Vor einem halben Jahr ging es hier um unsere Kündigung wegen Eigenbedarf – und darüber, wie sehr mich das mit älteren Menschen verbindet, die ihr Zuhause aufgeben müssen. Heute, ein halbes Jahr nach dem Umzug, möchte ich ein Update geben. Denn es gibt einiges zu berichten.

“Wann darf ich wieder nach Hause?”

Wir hatten nur fünf Wochen Zeit zwischen Mietvertrag unterschreiben und Umzug. Es war chaotisch, herausfordernd und gleichzeitig getragen von so viel Unterstützung. Freundinnen und Freunde haben geholfen, Kartons geschleppt, Kleinigkeiten transportiert. Und dann saßen wir alle zusammen bei Kaffee und kuchen – erschöpft, lachend, voller Zuneigung.

Das war genauso wichtig wie der Umzug selbst. Vielleicht sogar wichtiger.

Die neue Wohnung ist schöner als die alte. Objektiv betrachtet ist alles gut. Und trotzdem: Wochenlang hatte ich dieses Gefühl: “Wann darf ich wieder nach Hause?”

Ich hatte nie Zweifel an der Wohnung. Aber da war dieses diffuse Gefühl von: Hier bin ich noch nicht richtig angekommen. Wo ist das Vertraute? Wo ist das Gefühl von “Hier gehöre ich hin”?

Jetzt, nach einem halben Jahr, kommt es langsam. Dieses Gefühl: Das ist jetzt mein Zuhause.

Was ich daraus lerne – für mich und für pflegende Angehörige:

1. Zeit. Wirklich Zeit.

Auch wenn die Veränderung gut ist, auch wenn die neue Umgebung objektiv besser ist – das Gehirn braucht Zeit, um anzukommen. Wochen. Monate. Manchmal ein halbes Jahr.

Das gilt für mich mit 55. Und es gilt für eine 85-Jährige, die ins Pflegeheim zieht, noch viel mehr.

Mein Tipp für Angehörige: Wenn deine Mutter, dein Vater ins Pflegeheim gezogen ist und nach drei Wochen immer noch sagt “Ich will nach Hause” – das ist normal. Das Gehirn braucht Zeit, um die neue Umgebung als “Zuhause” zu akzeptieren. Sei geduldig. Mit ihnen. Und mit dir selbst, auch wenn es schwer auszuhalten ist.

2. Gemischte Gefühle sind völlig okay

Ich bin zufrieden hier. Gleichzeitig gibt es noch diesen kleinen Teil in mir, der fassungslos ist. Beides darf sein.

Früher hätte ich gedacht: “Stell dich nicht so an, die Wohnung ist doch toll!” Heute weiß ich: Gefühle sind nicht rational. Und sie müssen es auch nicht sein.

Was mir geholfen hat: Die Gefühle zu benennen.

Wenn du ein Gefühl in Worte fasst – “Ah, da ist Wehmut” oder “Das ist Fassungslosigkeit” – schaffst du Abstand. Du wirst vom Betroffenen zum Beobachter. Das Gefühl überwältigt dich nicht mehr, du kannst es integrieren.

Warum das funktioniert: Was ich intuitiv gemacht habe, hat einen wissenschaftlichen Namen: Affektlabeling. Wenn wir Gefühle benennen, aktivieren wir den präfrontalen Cortex – den Teil unseres Gehirns, der für rationales Denken zuständig ist. Gleichzeitig wird die Amygdala, unser emotionales Alarmzentrum, beruhigt. Einfach gesagt: Wir schaffen einen kleinen Raum zwischen uns und dem Gefühl. Wir sind nicht mehr das Gefühl, wir haben es.

3. Soziale Bindungen > perfekte Einrichtung

Uns war es wichtiger, Freunde zum Kaffee einzuladen, als dass alles perfekt eingeräumt war. Und das war genau richtig.

Diese sozialen Momente – das Lachen, die Gespräche, das Gefühl von “Wir sind für dich da” – das macht einen Ort zu einem Zuhause. Nicht die perfekt platzierten Möbel.

Mein Tipp: Wenn deine Eltern umziehen – ins Betreute Wohnen, ins Pflegeheim – dann ist es wichtiger, dass vertraute Menschen da sind, als dass alles tipptopp eingerichtet ist. Die Fotos können auch später noch an die Wand. Erstmal: Ankommen. Gemeinsam.

4. Loslassen ist ein Prozess

Im Umzugsstress musste alles mit. Keine Zeit zum Aussortieren. Jetzt, ein halbes Jahr später, merke ich: Es gibt noch einiges, was gehen darf.

Wie viele Pfannenwender brauche ich wirklich? Wie viele Flaschenöffner? Wie viel Geschirr, Bücher, Vorräte?

Ich bin 55 – ein gutes Alter, um anzufangen aufzuräumen. Nicht erst mit 75 oder 85, wenn es mühsam wird. Sondern jetzt, wo ich noch Energie habe.

Das schwedische Konzept “Döstadning” – Aufräumen fürs Lebensende – klingt erstmal düster. Aber eigentlich ist es ein Geschenk: An mich selbst (mehr Leichtigkeit, weniger Ballast) und an meine Kinder (die sich später nicht durch Berge von Sachen wühlen müssen).

Mein Tipp für alle ab 50: Fang an. Nicht radikal, nicht mit Druck. Aber immer mal wieder: Was brauche ich wirklich noch? Was darf gehen?

Und jetzt?

Ein halbes Jahr nach dem Umzug bin ich angekommen. Nicht perfekt, nicht abgeschlossen – aber angekommen.

Ich habe gelernt: Veränderung braucht Zeit. Gefühle dürfen gemischt sein. Soziale Bindungen sind wichtiger als Perfektion. Und Loslassen ist ein Prozess, kein Ereignis.

Das gilt für mich. Und es gilt für alle, die mit ihren Eltern, ihren Partnern, ihren Angehörigen einen Umzug durchleben.

Und Sie? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht – mit Umzügen, mit Veränderung, mit dem Ankommen an einem neuen Ort?

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Danke! Das hat geklappt.